„Gedanken für den Tag“ mit Katharina Stemberger

Tag 3

Wir sitzen im einzigen Hotel, das in der Hauptstadt dieser schönen Insel offen hat, in der Lobby. 20 Uhr. Draußen hat man das Gefühl, dass gerade die Welt untergeht. Sturm und starker Regen.

Ich gehe vor die Tür, um eine Zigarette zu rauchen, der Regen peitscht mir ins Gesicht und ich gebe die Idee wieder auf. Ich denke an die Menschen im Flüchtlingslager, ich habe ihre dünnen Sommerzelte gesehen, die auch ohne den aktuellen Regen im Morast versinken. Am Parkplatz vor dem einzigen Supermarkt konnten wir heute mit Hilfe eines Dolmetschers mit einer Familie reden. Sie kommen aus Afghanistan. Einmal in der Woche können sie mit dem bisschen Geld, das sie erhalten, im Supermarkt was kaufen.

Der Vater erzählt, dass er während der Flucht seinen Liebsten immer Mut und Hoffnung gemacht hat. Er sagte ihnen, dass es zwar jetzt schlimm sei, aber dann, dann, wenn sie Europa erreicht haben werden, wird es besser werden. Dann werden sie in Sicherheit sein, dann werden das Leiden und die Not und die Angst ein Ende haben. Seit einigen Monaten sitzen sie auf Lesbos fest und er weiß nicht, was er ihnen sagen soll. Die Situation ist unerträglich. Alles ist nass, kalt, kein warmes Essen, keine Sicherheit.

Aber das Schlimmste für ihn ist, dass er die Hoffnung verloren hat, dass er seiner Frau und seinen Kindern keinen Mut mehr machen kann, dass es eben keinen Zukunftsbegriff, keine Hoffnung gibt. Ihr Schicksal liegt, wie schon seit Monaten, in den Händen anderer. Anderer Menschen, die weit weg sind und die nichts von ihnen wissen wollen.

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