„Gedanken für den Tag“ mit Katharina Stemberger

„Was werden wir unseren Enkeln erzählen?“, fragt Katharina Stemberger, angesichts von Menschen, die täglich vor unseren Augen ertrinken und erfrieren. In der Ö1-Reihe „Gedanken für den Tag“ spricht sie über Menschlichkeit, ihre Reise nach Lesbos und die Situation für geflüchtete Menschen auf den griechischen Inseln.

Hier können Sie die „Gedanken für den Tag“ nachhören:

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Tag 1

Am Hafen vor dem Büro der kleinen NGO „Home for all“ auf Lesbos findet sich eine kleine Gruppe von Menschen ein. Es ist 19 Uhr. Überraschend kühl und feucht.

Zwei Bierkisten werden übereinandergestellt. Ein Papiertischtuch behelfsmäßig mit Wäscheklammern festgemacht. Ein Altar. Der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler streift sein Messgewand über. Der Platz vor dem ebenerdigen Häuschen ist begrenzt. Die Betreiber der kleinen NGO „Home for all“, Nikos und Katerina, machen uns darauf aufmerksam, dass es auch sein kann, dass hier ein Auto durchfahren muss. Der Bischof rückt noch näher ans Wasser. Ich staune über sein konzentriertes und unprätentiöses Handeln. Vor bald 30 Jahren bin ich aus der Kirche ausgetreten und finde den Weg nur selten in ein Gotteshaus.

Zu oft hatte ich den Eindruck, dass diese Rituale erstarrt sind, die Geistlichen nicht über die Welt sprechen, in der ich versuche, mich zurecht zu finden. Alles hier mutet anders an. Wir sind hierhergekommen, um dorthin zu schauen, wo ganz Europa wegschauen will. Und plötzlich sind wir mitten drin in der Geschichte, in unserer Geschichte. Die Messe beginnt.

Das Thema zwischen den Gebeten und Gesängen ist „Maria Empfängnis“. Der Bischof erklärt, worum es bei Maria Empfängnis geht. Er sagt sinngemäß: Gott stellt Maria eine Frage, stellt den Menschen eine Frage und will ein Ja ohne Aber. Ein Ja ohne Aber. Was für eine unmögliche Frage, was für eine unmögliche Antwort. Ich denke an die vielen Abers in meinem Leben. An die Ausflüchte und Ungenauigkeiten. Und doch klärt sich was in diesem Moment. Ich staune über diesen Mann Gottes, der tatsächlich mit uns spricht. Er bittet und betet mit uns. Ich komm gar nicht aus.

Am Schluss beten wir für die vielen Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Not ihr Leben gelassen haben. Es ist noch kälter und noch feuchter geworden. Ich sitze und schaue aufs Meer. Eine Katze ist mir auf den Schoss gesprungen.

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